Vor kurzer Zeit waren meine Schwiegereltern aus Peking wieder bei uns zu Besuch. Mit zurückhaltender Neugierde ließen sie sich unseren Teeshop zeigen, fragten vorsichtig wie es läuft, schauten sich unser Lager an. Ich nahm an, dass sie sich durch unser gesamtes Sortiment durchprobieren würden, aber ich hatte mich getäuscht. Sie blieben ihrem geliebten Long Jing treu. Long Jin, Long Jin, Long Jin, tagein, tagaus. Jeden Morgen als ich noch ganz verschlafen in die Küche taumelte, stand da dieser schmale, hohe Becher aus Glas mit Deckel neben dran – der Becher meiner Schwiegermom. Inhalt: Long Jing. Oder der andere, breite Becher mit der Abbildung einer Kuh, auf der einen Seite die Front, auf der anderen Seite der Kuhhintern – der Becher meines Schwiegervaters (ehemals meiner). Inhalt: Long Jing. Da standen sie, mit den Blättern im Wasser, seit bestimmt einer halben Stunde. Wenn ich abends nach Hause kam, fand ich dieselben Becher mit den selben Blättern vor, wieder voll, ich weiß nicht zum wievieltem Mal. Der Tee schmeckte fast nur noch nach Wasser, aber für meine Schwiegereltern galt: Hauptsache es sind Teeblätter drin. Interessant dabei war, dass sie gar nicht so einen großen Anspruch an den Tee hatten, den sie für ihren Eigenbedarf aus Peking mitbrachten. Es musste halt nur Long Jing sein. Er war wie immer mittelmäßiger Qualität, für meinen Geschmack etwas zu herb, wenn man ihn länger ziehen ließ, aber dennoch ganz lecker zu Crème brûlée! Jedenfalls war und ist Long Jing fester Alltagsbestandteil meiner Schwiegereltern – Gewohnheit, Ritual, Tradition.

Ning-Ning und ich sind spätestes seit diesem letzten Besuch ebenfalls von Long Jing angefixt. Und zwar haben meine Schwiegereltern neben dem mittelmäßigen Tee für den Eigenbedarf auch einen sehr hochwertigen Pre-Ming West Lake (Xi Hu) Long Jing aus dem Garten von Onkel Han, eines engen Familienfreundes in Hangzhou speziell für uns mitgebracht. Wir führen diesen Tee bei uns im Shop als West Lake Treasure und haben bereits auf der Produktseite zahlreiche Produktinfos als auch einen Link zu einem externen Review, sodass ich hier bei der Beschreibung des Tees sparsam bleiben werde. Nur so viel: Er ist süß und sehr sanft – der Unterschied zum Durchschnitts-Long Jing ist hier unverkennbar. Der Tee wird auf dem chinesischen Markt zu einem hohen Preis abgenommen, sodass sich der Export für Onkel Han nicht wirklich rentiert. Wir hoffen dennoch nächstes Jahr über den Familien-Bonus an mehr davon ran zu kommen und ihn als einen Stammtee in unserem Shop anzubieten. Hmmm, welches Tee-Tier wird es dann werden?

Für den Fall, dass der ein oder andere Leser nun Lust auf unseren West Lake Treasure bekommen und in unserem Shop erstanden hat oder noch vor hat diesen zu erstehen, möchte ich als nächstes eine einfache Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Zubereitung dieses Tees anbieten.

Zubereitungsanleitung

Die Anleitung, inklusive Zubereitungsparameter, ist auf unseren West Lake Treasure feingestimmt, lässt sich aber auch entweder unverändert oder mit nur leichten Änderungen auch auf andere Long Jing Tees anwenden.

  • Tee-Wasser-Verhältnis: 1g / 50ml
  • Wassertemperatur: 80-85°C
  • Ziehzeit: 2min / 3min / 5min
  1. Verwende 4g Teeblätter für 200ml Wasser.
  2. Wärme dein Glas mit heißem Wasser vor, entleere es und gib die Blätter in das leere, vorgewärmte Glass. Bedenke, dass wenn du ein kaltes Glass verwendest, die Wassertemperatur deutlich schneller sinkt.

  3. Koche Wasser auf und lasse es auf 80-85°C abkühlen. Grüne Tees wie Long Jing bevorzugen eine etwas kühlere Temperatur als stärker oxidierte Tees.
  4. Gieße das 80-85°C heiße Wasser auf die Blätter, bis das Glas zu 1/4 gefüllt ist.
  5. Schwenke das Glas vorsichtig in einer Kreisbewegung für ca. 30s, damit alle Blätter genügend Kontakt mit dem Wasser bekommen. Man nennt diesen Schritt übrigens „Aufwecken des Tees”. Er dient der schnelleren Entfaltung des Geschmacks. Während die ersten Blätter bereits im Wasser versinken, kannst du den Duft des Tees genießen.

  6. Jetzt ist es Zeit, mehr Wasser hinzuzugeben (ca. 150ml), um das Glas zu füllen. Du kannst nun die Teeblätter beim langsamen Sinken, Hinaufschweben und wieder Absinken beobachten. Es erinnert sehr an einen Tanz und wirkt auf mich immer meditativ.

  7. Nach ca. 2 Minuten ist der erste Aufguss fertig und man darf ihn genießen. Lasse aber für den zweiten Aufguss noch etwa 1/3 des ersten Aufgusses über.
  8. Gieße nun noch mal 150 ml 80-85°C heißes Wasser in das Glass nach und lasse den Tee diesmal drei Minuten lang ziehen.
  9. Wiederholen Den gleichen Prozess mit höherer Ziehzeit für den dritten Aufguss. Dieser Tee kann für 3 Aufgüsse verwendet werden.
West Lake Treasure – nasse Teeblätter
West Lake Treasure – nasse Teeblätter

Tipps:

  • Verwende weiches Wasser für die Zubereitung von Long Jing. Die Qualität des Wassers ist für den Geschmack des Tees essentiell.
  • In China werden zarte grüne Tees wie der Long Jing in der Regel vor allem für das visuelle Erlebnis in einem langen Glas serviert. Du kannst aber auch auf eine Teekanne, einen Gaiwan oder einen Becher ausweichen.

Unser West Lake Treasure ist einer unserer Lieblings-Tees. Meine ersten Worte, nachdem ich diesen Tee probiert hatte, waren: “Wieviel haben wir davon? Können wir noch mehr haben?” Sein Duft erinnert an süße Orchideen, frisches Gras und leicht geröstete Kastanien. Der Aufguss ist sehr sanft, erfrischend und vollmundig, mit herrlich nussigen Tönen und kiefernartigen Nuancen, einem leichten floralen Charakter und einem süßen, lang anhaltenden Nachgeschmack. Dieser Long Jing hat unsere Maßstäbe um ein ganzes Stück angehoben. Wir werden definitiv versuchen auch im nächsten Jahr eine Charge für uns zu sichern.

Der Autor

Boris Diakur

ITMA Certified Tea Sommelier

Boris erfreut sich sowohl an kräftigem schwarzen Tee als auch an sanftem weißen Tee. Neuerdings hat er seine Vorliebe für seltenen koreanischen Tee entdeckt.

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